In dem nachfolgenden Artikel, der in Zukunft Teil von meinem Seminar Level 2 sein wird, beschreibe ich die Behandlung wiederbelebter (alter) Schocks und die Sofortmaßnahme bei akuten Schocks.

Im Laufe meiner EFT-Zeit ist mir immer klarer geworden, wie wichtig es ist, den Schock/Schreck in belastenden Erinnerungen zu suchen und diesen als emotionalen Zustand spezifisch zu klopfen. Schock legt sich wie eine schützende Schale um andere Emotionen, welche aber erst zugänglich sind, nachdem die Schockschicht abgelöst worden ist.

Als ich das große Glück hatte, zweimal eine Gruppe von Bundeswehr-SoldatInnen in EFT unterrichten zu dürfen, wusste ich, dass ich Ihnen auf jeden Fall eins mitgeben wollte: Wie man einen akuten Schockzustand mit EFT behandeln kann. Meine Vermutung ist, dass es weniger Trauma-Spätfolgen gibt, wenn im Falle eines Falles so schnell wie möglich geklopft wird. Aber auch im "Kampf des Alltags" gibt es immer wieder Momente des Erschreckens, wobei es sich absolut lohnt, diese sofort zu klopfen.

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Schock-Klopfen unmittelbar nach einem heftigen Erlebnis

– Erste-Hilfe-Maßnahme mit EFT –

Der Begriff 'Psychoschock' bezieht sich auf erschreckende, erschütternde, unerträglich heftige, oft auch völlig unerwartete Ereignisse, die die momentanen Verarbeitungsmechanismen eines Menschen überfordern. Dabei kann es sich um etwas handeln, das ihm persönlich passiert, oder in seiner Gegenwart einem ihm nahestehenden Menschen passiert.

Die Verarbeitungsphase eines schockierenden Erlebnisses kann wesentlich verkürzt werden, wenn der akute Schockzustand, der als Energieblockade im Meridiansystem vorhanden ist, so schnell wie möglich mit EFT behandelt wird.

Meist ist ein Mensch in einem akuten Schockzustand nicht in der Lage, an sich selbst zu klopfen. Auch das Nachsprechen der Klopfsätze ist der Betroffenen oft nicht möglich, da im Gehirn das Sprachzentrum (Broca-Areal) blockiert ist. In diesem Fall reicht es, wenn sie die Klopfsätze einfach nur hört. Daher sollten sie in der Du/Sie-Form formuliert werden.

Wichtig ist die Position, die du beim Klopfen einnimmst. Idealerweise sitzt du auf Augenhöhe mit der Betroffenen. Muss sie die Augen nach oben wenden, um dich zu sehen, wird im Gehirn die visuelle Ebene vermehrt aktiviert, wodurch die belastenden Bilder stärker werden. Aus demselben Grund sollte das Schließen der Augen verhindert werden. Wendet die Betroffene die Augen beim Klopfen nach unten, verstärkt sie damit das Fühlen ihres emotionalen Zustandes, was ebenfalls nicht erwünscht ist.

Schock einstufen?

Schock liegt auf der Belastungsskala immer bei 10; es ist subjektiv immer eine Todesangst. Schock wird als Zustand von Betroffenen aber nicht gefühlt! Das ist auch der Grund dafür, dass Schock als emotionalen Zustand so wenig beachtet, bzw. sogar übersehen wird.

Vermitteln von Sicherheit

Interessant ist, dass die (eventuelle) PU auf das Loslassen des emotionalen Zustandes bei Schock nicht durch die Anregung der Selbstakzeptanz und Selbstliebe aufgehoben werden kann, sondern nur durch das Vermitteln von Sicherheit. Im Prinzip ist das sehr logisch, denn es gibt dissoziierte Anteile des Menschen, die noch nicht registriert haben, dass die Gefahr nun vorüber ist. Diese Anteile, die den Schockzustand festhalten, müssen durch die Einstimmung erreicht werden.

Einstimmung

Handkante halten und leicht drücken oder beklopfen und dabei zum Blickkontakt auffordern. Das fett Gedruckte wird mit Nachdruck ausgesprochen ("embedded command" aus dem NLP):

  • Auch wenn du gerade dieses Schlimme [oder anderes Wort, das besser zum Erlebten passt] erlebt hast, bist du jetzt in Sicherheit. Auch wenn das gerade unerträglich war, und es dich unendlich geschockt hat, bist du hier und jetzt in Sicherheit. Auch wenn es dich im Moment nicht mehr loslässt, und du starr vor Schreck bist, ich sage dir: Du hast es überstanden. Du bist hier und jetzt bei mir in Sicherheit.

Welche Worte an welchen Klopfpunkten?

Da das Klopfen am Gesicht und Oberkörper die Betroffene "triggern" könnte, lässt man diese Punkte – zumindest am Anfang des Klopfprozesses eines akuten Schockzustandes – besser aus. Es reicht das Halten, ein leichtes Drücken oder sanftes Massieren folgender Punkte:

Fingerpunkte, Handkante, Gamut-Punkt, Innenseite und Außenseite Unterarm,

wobei du sagst:

  • Dieser Schock, (Punkt wechseln) du bist hier und jetzt in Sicherheit, (Punkt wechseln)dieser Schock, (nächster Punkt) ich bin bei dir, (nächster Punkt) dieser Schock, du hast es überstanden, dieser Schock, alles ist gut", usw.

Das Wichtigste ist, dass du die Betroffene mit der positiven Botschaft, dass sie das Schlimme überlebt hat, und die Bedrohung aber jetzt vorbei ist, erreichst. Menschen im Schock sind in der Regel nicht zugänglich für diese Information, wenn sie ihnen ohne zu klopfen mitgeteilt wird. Ihr logisches Denken ist durch den eingefrorenen Zustand ("freeze") sehr eingeschränkt. Das abwechselnde Klopfen des negativen Zustandes ('dieser Schock') und der positiven Information ('du bist in Sicherheit') durchbricht die Starre. Erst dann wird im Gehirn registriert, dass die Gefahr vorbei ist, und bewirken Hormonausschüttungen, dass die Alarmreaktionen im Körper wieder heruntergefahren werden.

Verlauf

Du solltest weiterklopfen, bis sich der Schock vollständig gelöst hat, und die Betroffene wieder in die Ruhe kommt. Achte dabei auf folgende äußere Anzeichen: Körpertemperatur (Hände kalt -> wärmer), Gesichtsfarbe (blass -> rosiger), Blick (weggetreten -> mehr anwesend im Hier und Jetzt), tiefes Durchatmen (Wechsel vom Sympathikus in den Parasympathikus).

Lass dich nicht erschrecken, wenn die Betroffene danach heftig weint oder schreit (seltener). Es handelt sich hierbei um natürliche und gesunde Reaktionen auf das Erlebte. Solche Zustände können natürlich mit EFT gelindert werden, wobei man da allerdings vorsichtig und achtsam sein sollte, denn es handelt sich hierbei, wie gesagt, um natürliche Impulse, die der Selbstregulierung dienen. Trost und für den Menschen da zu sein, sind hier zunächst eher gefragt als EFT.

Fängt die Betroffene an zu zittern, so sollte dies niemals unterdrückt werden. Auch wenn es heftig aussieht: Das Zittern gehört zu den natürlichen Abbaumechanismen eines Psychoschocks. Es lässt in der Regel nach einer Weile von selbst nach.

Überprüfe auf jeden Fall, ob noch irgendwelche Reste von Schock da sind. Da die Betroffene jetzt wieder in der Lage ist zu fühlen, kann man sie selbst fragen. Auch kann es sein, dass Reste anderer Emotionen vorhanden sind, die jetzt oder zu einem späteren Zeitpunkt noch geklopft werden möchten.  

Schockzustand aus einer Erinnerung klopfen

Da unser Gehirn nicht unterscheiden kann zwischen etwas, das in diesem Moment wirklich passiert, und etwas, an das wir uns gerade lebhaft erinnern, kann es sein, dass eine Klientin bei der Erinnerung an eine sehr belastende Lebenserfahrung in einen alten Schockzustand fällt, weil das Erinnerte all ihre Bewältigungssysteme überfordert. Diese Reaktion nennt man Dissoziation.

Wie sieht eine Dissoziation in etwa aus?

-     Inneres "Wegtreten"

-     Veränderung der Augenfokussierung und Gesichtsfarbe (blass)

-     Hände (und Füße) sind kalt und/oder fühlen sich taub an

-     Schwindel bis hin zu Ohnmachtsgefühlen

-     Energetisch scheint die Klientin nicht mehr ganz in ihrem Körper zu sein

Nun muss sofort gehandelt werden. Wichtig ist, die Klientin so schnell wie möglich wieder ins Hier und Jetzt zurückzubringen. Auf jeden Fall sollten keine aufdeckenden Fragen ("Was siehst du gerade?") oder Fragen, die noch mehr ins Fühlen führen ("Wie fühlst du dich?") gestellt werden. Da die Klientin soeben die Kontrolle über ihren emotionalen Zustand verloren hat, solltest du stark in Führung gehen und ihr dabei ein Gefühl von Sicherheit vermitteln.

Fordere Blickkontakt auf und drücke durch dein sicheres Auftreten und deine Stimmlage aus, dass du die Kontrolle hast. Es wird stabilisierend geklopft, wobei die Erinnerung 'zugemacht' wird. Wenn die Klientin nicht in der Lage ist, die angebotenen Klopfsätze nachzusprechen, werden sie in der Du-/Sie-Form formuliert. Wenn sie diese nachsprechen kann, in der Ich-Form.

Auch in diesem Fall lasse ich die Punkte am Kopf und Oberkörper aus und fange lieber nur mit den Punkten an der Hand und dem Unterarm an. 

Einstimmung

  • Auch wenn dich alles zu überrollen droht, und du Angst hast, die Kontrolle zu verlieren, ist alles in Ordnung. Du bist hier und jetzt bei mir in Sicherheit. Dir kann gar nichts passieren.  [Einmal tief durchatmen lassen]

Dann wird der Zustand der emotionalen Überflutung geklopft. Sehr effektiv ist es, hierbei folgende so genannte 'Jokersätze' zu verwenden. Sie greifen elegant und achtsam auf dasjenige zu, das die Überflutung ausgelöst hat, ohne dass es sich weiter öffnet.

  • Daumen:

Alle tiefsten Ursachen dieser heftigen Reaktion/Überflutung – du brauchst sie nicht zu kennen, um sie klopfen zu können. Dein weises Unterbewusstsein kennt sie alle.

  • Zeigefinger:

Alle guten Gründe, dass du so heftig reagierst – du brauchst sie dir nicht anzuschauen, um sie klopfen zu können. Dein weises Unterbewusstsein kennt sie alle.

  • Mittelfinger:

Alle guten Absichten hinter diesem Zustand – du brauchst sie nicht zu analysieren, um sie klopfen zu können. Dein weises Unterbewusstsein kennt sie alle.

  • Kleiner Finger:

Dein Unterbewusstsein will dich schützen – aus guten Gründen, dir bekannt oder unbekannt. Du brauchst sie nicht zu kennen, sie dir nicht anzuschauen oder gar zu analysieren, um sie klopfen zu können, denn dein weises Unterbewusstsein kennt sie ohnehin alle.

  • Handkante:

Du bist hier und jetzt in Sicherheit, es ist nur ein alter Film, der sich gerade zeigt.

  • Gamut-Punkt:

Entscheide jetzt bewusst, ganz bewusst, alle Sicherungssysteme im Unter-bewusstsein wieder herunterzufahren. Mach das jetzt!  [Kontrollieren, ob das gemacht wurde.]

  • Innenseite Unterarm:

Es ist nur ein alter Film.

  • Außenseite Unterarm:

Klicke nun auf das weiße Kreuz im roten Feld und mache den Film zu. [Handbewegung machen wie beim Zuklicken eines Dokuments bei Windows, und die Klientin das nachmachen lassen.]

Gerne spreche ich, wenn sich der dissoziative Zustand durch das Klopfen der Jokersätze gelöst hat, auch noch alle Körperregionen und Ebenen an, auf denen der alte Schock eventuell Spuren hinterlassen hat. Wechsle nach jedem Satz auf den nächsten Klopfpunkt, wobei in der Regel nun alle Punkte beklopft werden können: 

  • Schock in deinem Körper, in allen seinen Zellen
  • bei Unfällen: unbedingt die traumatisierte(n) Körperstelle(n) ansprechen, z. B. Schock an deinen Beinen,Schock am Kopf
  • Schock in deinem Gehirn, in allen Nervenzellen
  • Schock in deinen Gedanken und in deinem Denken
  • Schock im Hören
  • Schock im Sehen
  • eventuell: Schock im Riechen, Schmecken, Spüren
  • Schock in deinem Hormonsystem
  • Schock in deinem Immunsystem
  • Schock in deinen Meridianen
  • Schock in deinem Herzen (in deinem Mutter-/Vaterherzen)
  • Schock in deiner Seele
  • Schock in deinen Chakren*
  • Schock in deinem Feld (deiner Aura)*
  • Schock auf allen Ebenen und in allen Dimensionen deines Seins*
  • usw.

*) Nimm nur das, was für die Betroffene passt, bzw. deiner Einschätzung nach für sie nicht befremdlich ist.

Klopfe den Schock-Zustand immer komplett auf null! Die Klientin soll selbst mit überprüfen, ob noch irgendwo ein Rest an Schock hängt. Traue bei der Suche nach Resten auch deiner Intuition. Sei gründlich: lieber eine Runde EFT zu viel als zu wenig.

Meine Erfahrung ist, dass ein akuter Schock sehr viel leichter zu klopfen ist als ein wiederbelebter, alter Schock. Bei Letzterem braucht es oft mehrere Runden, bis der Schock wirklich vollständig verschwunden ist.

Erst wenn die Klientin wieder völlig stabil ist, darf an der Erinnerung weitergearbeitet werden – vorzugsweise mit einer der Sanften Techniken (aus EFT Level 2), alternativ mit der Trauma Buster Technique (TBT) oder dem Matrix Reimprinting.

Mit herzlichem Dank an Anja C. Straßner für die Vermittlung ihres umfangreichen Wissens über Trauma, sowie an Christa Vieg, Psychologische Psychotherapeutin aus Bonn, für ihr konstruktives Feedback zu diesem Artikel!

Maya de Vries
EFT-Master

 

 

Gesendet: 2 Jahre 8 Monate her von Paul Göhring #80
Paul Göhrings Avatar
In der Arbeit mit traumatisierten Patienten kommt es immer wieder vor, dass der Patient getriggert wird und anfängt zu dissoziieren. Dies kann wie im Beitrag beschrieben wurde von einem leichten weggetreten sein bis zu einer vollständigen Starre gehen. Allen Zuständen gemeinsam ist, dass die Personen nicht mehr im Hier und Jetzt sind. In unserer Klinik arbeiten wir viel mit traumatisierten Patienten und daher ist es gut Werkzeuge zur Auswahl zu haben. Wir arbeiten oft mit der Klopftechnik. Oft kann man jedoch leider gerade mit diesem wertvollen Instrument NICHT arbeiten, weil jede körperliche Berührung erst recht triggert, weil es sich um Missbrauch oder Gewalt in der Traumageschichte geht.In diesen Fällen haben sich starke Düfte als hilfreich gezeigt. Auch akustische Signale können helfen. Die Aufforderung an den Patienten die Augen scharf zu stellen und sich im Raum umzusehen ist die einfachste Möglichkeit, den Patienten wieder ins Hier und Jetzt zu holen.Dissoziiert ein Patient noch zu oft ist das für uns in der Klinik ein Zeichen noch nicht an das Belastungsmaterial zu gehen und erst an der Stabilisierung und an den Ressourcen zu arbeiten. Erst dann ist es sinnvoll am eigentlichen Trauma zu arbeiten.Zu frühes arbeiten am Belastungsmaterial kann sonst schnell zu einer Retraumatisierung führen. Ich rate Traumata nur von einem sehr erfahrenen und dafür ausgebildeten Therapeuten behandeln zu lassen.
Paul Göhring