Im Oktober dieses Jahres hatten mein Mann und ich die Gelegenheit, einen Workshop in Provocative Energy Techniques (PET) von Steve Wells und Dr. David Lake zu belegen. Dieser Ansatz vereint eine vereinfachte Form der effektiven Klopfakupressur, genannt Simple Energy Techniques (SET), mit Humor und Elementen aus der Provokativen Therapie nach Frank Farrelly. Der trotz aller Provokation herzenswarme Ansatz ermöglicht powervolle Veränderungen im Erleben und Verhalten von Klienten.

Wir waren begeistert von der offenen und professionellen Arbeitsweise der beiden Australier, genossen deren Humor und merkten dabei, dass auf spielerische Weise dennoch im Hintergrund ernste Themen bearbeitet werden konnten. Wir konnten den Ansatz von Steve und David sogar am eigenen Leib erleben, denn David bat uns um eine Paardemonstration. Wir waren natürlich neugierig, konnten bei einem heiklem Thema Klarheit gewinnen und erleben noch Tage später die positiven Nachwirkungen von Davids Interventionen.

Hier nun das Interview, für das Steve Wells sich freundlicherweise nach dem Seminar zur Verfügung stellte:

Anne Rose: Steve, die Technik SET steht für „Simple Energy Techniques“ und bietet eine noch einfachere Herangehensweise an emotionale Freiheit im Vergleich zu EFT. Welche sind die hauptsächlichen Unterschiede zu EFT?

Steve: Einer der Hauptunterschiede ist, dass wir keine Einstimmungssätze verwenden, wir beklopfen einfach die Akupunkturpunkte, und wir haben herausgefunden, dass die Dauer und Häufigkeit der Stimulation der Punkte einen signifikanten Effekt hat. Zum anderen verwenden wir nicht generell Erinnerungssätze, wenn wir die Punkte klopfen. Wir bitten die Personen, einfach die Punkte zu beklopfen und sich dabei auf die eigene Art und Weise auf das Problem zu fokussieren. Das heißt, was auch immer sie wahrnehmen, wenn es ein Gefühl ist, dann richten sie ihre Aufmerksamkeit auf das Gefühl und beklopfen einfach die Punkte. Wenn es ein Gedanke ist, dann können sie sich auf den Gedanken konzentrieren und die Punkte beklopfen. Sie müssen also nicht unbedingt etwas laut aussprechen. Wenn es ihnen jedoch bei der Fokussierung hilft, dann können sie einen Satz aussprechen. Es geht in erster Linie darum, die Punkte zu klopfen und sich dabei auf das Problem zu konzentrieren. Dies ist die direkte Art des Klopfens.

Ein weiterer Unterschied ist, dass wir auch viel auf indirekte Weise arbeiten: Wir haben nämlich die Erfahrung gemacht, dass das Energiesystem einen Nutzen daraus zieht, wenn die Punkte viel und häufig beklopft werden und dass der Nutzen sich mit der Zeit akkumulieren kann, selbst wenn man nicht auf ein bestimmtes Problem eingestimmt ist. Wir nennen dies „energy toning“, und wir halten unsere Klienten und diejenigen, die das Klopfen von uns erlernen, dazu an, täglich über längere Zeit zu klopfen (klopft gerade die Punkte an der Hand) – Sorry, ich tu es gerade, während ich darüber spreche… (lacht) – ja, es ist für mich inzwischen ein natürlicher Prozess, das zu tun, einfach zu klopfen. Wir merken, wenn die Leute das tun, selbst wenn sie sich nicht auf ein bestimmtes Thema fokussieren, dann können sie davon profitieren und so manche Themen können sich beruhigen oder sogar auflösen.

Wir lehren auch einen einfachen Ablauf des Klopfens, bei dem die Fingerpunkte beklopft werden. Viele Anwender von EFT verwenden ja nicht mehr die Punkte an den Fingern, weil sie eine Kurzform anwenden, die z.B. den Scheitelpunkt, Augenbraue, seitliches Auge, unter dem Auge, unter der Nase, am Kinn und den Schlüsselbeinpunkt einbezieht. Wir benutzen die Fingerpunkte und wir vermitteln einen Ablauf, bei dem der Daumen der einen Hand die Fingerpunkte der gleichen Hand beklopft. Das ist sehr einfach durchzuführen. Wir schließen auch die Nagelfalzseite des Ringfingers mit ein, die bei EFT nicht verwendet wird. Es ist eine simple Art und Weise zu Klopfen: Sie ist einfach durchzuführen, ermüdet nicht und kann auch in der Öffentlichkeit durchgeführt werden. Dies sind einige der haupt-sächlichen Unterschiede.

Anne Rose: Bei Eurer Technik arbeitet Ihr vor allem mit negativen Glaubenssätzen und lasst diese beim Klopfen auch in der negativen Form aussprechen. Worin siehst Du den Wert der Anwendung von negativen Sätzen im Vergleich zu positiven Affirmationen bei der Behandlung in Kombination mit dem Klopfen?

Steve: Wir sehen, dass das Klopfen immer am Negativen arbeitet, in dem Sinne, dass es die Blockaden entfernt, die den Energiefluss verhindern. Normalerweise bekommst Du Zugang dazu, wenn Du Dich auf das Negative einstimmst. Wir arbeiten also gerne mit dem Negativen, wir nennen es die „dunkle Seite“, und wir halten dies für sehr produktiv, denn damit gehst Du mit der Energie. Und, so merkwürdig es erscheint, wenn Du beim Klopfen mit einer positiven Affirmation arbeitest, dann installierst Du nicht das Positive, sondern Du entfernst die Blockaden, so dass Du das Positive annehmen kannst. Letztendlich arbeitest Du also beim Klopfen immer mit dem Negativen. Und scheinbar kannst Du am einfachsten an einem Thema arbeiten, wenn Du Dich beim Klopfen auf das Negative einstimmst. Natürlich wäre es keine besonders gute Idee, sich auf das Negative einzustimmen, ohne dabei zu klopfen…

Anne Rose: Die sogenannte Choices-Methode könnte auch als eine Art positive Affirmation gesehen werden. Wie denkst Du darüber, diese Methode z.B. im Anschluss an das Beklopfen des Negativen anzuwenden?

Steve: Die Choices-Methode, wie sie Pat Carrington ursprünglich entwickelt hat, halte ich für einen sehr nützlichen Ansatz. Wir arbeiten jedoch etwas anders, wir tendieren eher dazu, das Negative zu übertreiben und ihm mit Humor zu begegnen, das lässt es sozusagen „verpuffen“ und hilft den Menschen, die positivere Seite zu sehen. In der Choices-Methode beklopft man das Negative, und wenn die Energieblockaden dann etwas ausgeglichen werden konnten, dann kann die positive Seite leichter angenommen werden. Bei unserem Ansatz neigen wir dazu, lieber länger am Negativen zu klopfen. Das Positive tritt dann spontan hervor, wenn nämlich die Person aus sich selbst heraus das Positive zulässt.

Anne Rose: Steve, Ihr kombiniert SET mit einem provokativen Therapiestil, den Ihr PET nennt, „Provocative Energy Techniques“. Was macht die „Provocative Energy Techniques“ so erfolgreich?

Steve: Es ist wirklich eine wunderbare Kombination, denn der provokative Ansatz stimuliert das Problem, er hilft Dir, sehr schnell den Zugang zum tiefliegenden Problembereich zu finden. Und das Klopfen hilft bei der Beruhigung der Emotion. Der andere Bestandteil der „Provocative Energy Techniques“ ist der Humor, welcher der Behandlung eine neue Dimension verleiht. Obwohl wir uns im Feld der emotionalen Freiheit bewegen, sind Viele bei ihrer Arbeit sehr ernst, und so ist der Humor des provokativen Ansatzes sehr erhellend und aufschlussreich für den Klienten, und auch für den Therapeuten mit Spaß verbunden. Eine solche Sitzung kann voller Humor und Lachen sein, während gleichzeitig sehr tiefe Themen angegangen werden und das ist eine Offenbarung für die Menschen. Frank Farrelly, der die Provokative Therapie entwickelt hat, sagt, dass das menschliche Befinden nicht nur eine tragische Maske hat, sondern eine tragische und eine komische Maske. Wir arbeiten nicht nur mit der einen Seite, und dadurch, dass wir die komische Seite hinzufügen, sehen die Leute oft lediglich den Humor. Dennoch hat dieser Ansatz eine tiefe Ernsthaftigkeit, die mit Humor kombiniert wird. Der Humor ermöglicht neue Perspektiven, er kreiert gute Gefühlsverlagerungen und verleiht dem gesamten Prozess einfach mehr Helligkeit und Freude.

Anne Rose: …und er war wirklich eine Freude, dieser Workshop, wir haben es alle genossen. Wir konnten sehen, dass es auch Dir und David Lake Spaß gemacht hat, das ist schön für alle, die diesen Workshop besucht haben: Die Freude darüber in Euren Augen zu sehen.

Steve: Naja, wir arbeiten halt nicht gerne hart… (wir lachen beide). Wenn es uns keine Freude machen würde, warum sollten wir dann damit weitermachen, also…in der Vergangenheit, wenn ich mit einer Person ein Trauma bearbeitet habe, dann war ich am Schluss völlig ausgelaugt. Jetzt fühle ich mich durch das Klopfen viel neutraler. Aber wenn Du in einer Sitzung den Provokativen Stil mit dem Klopfen kombinierst, dann kommen sowohl der Klient als auch der Therapeut mit viel mehr Energie und Lebendigkeit aus der Sitzung.

Anne Rose: Ich habe den Provokativen Stil® noch nicht in der Traumatherapie angewandt, aber vielleicht ist es sogar hier ein möglicher Weg. (Anmerkung: der Provokative Stil® wurde von Dr. E. Noni Höfner entwickelt)

Steve: Oh ja, es ist wunderbar.

Anne Rose: Steve, Du hast immer wieder auf die Wichtigkeit eines offenen Herzens hingewiesen, um eine starke Verbindung zwischen Therapeut und Klient aufzubauen, könntest Du bitte mehr über diesen „Aufbau einer Herzverbindung“ sagen?


Steve: Ja, wir halten dies für grundlegend wichtig. Und bei der Anwendung des Provokativen Stils ist es definitiv eine Voraussetzung. Der Provokative Stil ist wirklich eher, wie wenn man sich in einer Beziehung befindet. Und die Natur dieser Beziehung muss eine Ähnlichkeit haben mit dem Verhältnis, das Du mit Deinem besten Freund hast, mit jemandem, für den Du eine tiefe Liebe empfindest und der Dir am Herzen liegt. Und wenn Du in diesem emotionalen Zustand bist, dann kannst Du so ziemlich alles sagen. Du arbeitest von einer viel freieren Ebene aus. Wenn Du diese Menschen durch Provokation herausforderst und diese Herzverbindung nicht hast, dann wird es gefährlich. Es ist also absolut notwendig, zunächst ein offenes Herz zu haben und mit der Person eine gute Verbindung einzugehen, denn dann kannst Du auch alles tun, was nötig ist, um Dich mit dem Problem auseinander zu setzen. Wir erkennen im Grunde, dass das, was für uns sehr persönlich ist, universal ist und dass wir letztlich alle gleich sind. Anne Rose: Es freut mich, dies von Dir zu hören. Du weißt jedoch auch, dass es Therapeuten gibt, die eher dafür plädieren, den Abstand zum Klienten zu halten?

Steve: Wir schließen uns dem nicht an… (lacht)

Anne Rose: Ihr macht also gute Erfahrungen mit dieser „offenen Herzverbindung“?

Steve: Oh ja, und ich glaube auch, dass Gary Craig in seiner Arbeit, die einige vielleicht auf DVDs gesehen haben, nicht nur einen Ablauf der Klopfakupressur gezeigt hat, sondern auch einen Prozess der Harmonie und der Verbindung. Und ich glaube, das ist einer der stärksten Bereiche in seiner Arbeit.

Anne Rose: Steve, wie sieht Deine Vision der Zukunft in dieser Welt aus, wenn die Welt der Klopfakupressur sich nach Deinen Träumen und Wünschen entwickeln würde?

 

Steve: Im Grunde genommen hätte jeder viel mehr Spaß im Leben und Therapeuten wie wir müssten unser Geld ehrlich verdienen! Das würde bedeuten, dass wir neue Wege gefunden hätten, das Leid in dieser Welt deutlich erkennbar zu vermindern. Ein Weg in diese Richtung ist, die einfachen Innovationen, die wir momentan kennen und die funktionieren, in die Welt hinauszutragen und sie für mehr Menschen erreichbar zu machen, und zwar auch für den einfachen Menschen auf der Straße, der vielleicht nie ein Seminar besucht oder zu einem Therapeuten geht. Ein anderer Weg ist, unsere Methoden ständig neu zu überprüfen, so dass wir mehr innovative Methoden entwickeln können, die für mehr Menschen und mehr Beschwerden noch hilfreicher sind.

Ich denke zum Beispiel, es ist erforderlich, dass wir unsere Aufmerksamkeit ernsthaft darauf richten sollten, wie wir die Ergebnisse, die wir momentan mit Klopfakupressur erzielen, verbessern können, indem wir bessere Wege finden, Gemütserkrankungen wie Depressionen zu behandeln. Wenn wir Möglichkeiten finden, bei depressiven Verstimmungen, vor allem bei schweren Depressionen, die gleichen Ergebnisse zu erzielen wie wir sie momentan bei Angstbeschwerden erreichen, dann wird sich die Welt verändern, denn Depression ist die Geißel der jetzigen Generation.

 

Schließlich müssen wir auch einen Blick über unseren jetzigen Horizont hinaus wagen um Wege zu finden, die noch größere Erfolge ermöglichen. Das heißt, wenn sich die Welt der Klopfakupressur nach meinen Wünschen entwickeln würde, dann würde sie sich nicht nur auf das Klopfen beschränken, sondern sich darauf ausrichten, das zu finden, was dem Klienten hilft und einen erweiterten Blick auf eine Reihe von Methoden zu werfen, wobei wir uns von den Ergebnissen führen lassen. Und dies dann offen zu verbreiten anstatt irgendwelche Gebiete für sich in Anspruch zu nehmen oder an einer Vorgehensweise festzuhalten, die dann schnell veraltet sein kann. Wenn wir in 2-3 Jahren die Klopfakupressur immer noch auf genau die gleiche Art und Weise betreiben wie momentan, dann wäre ich enttäuscht, weil ich daran interessiert bin, neue Wege zu finden um bessere Ergebnisse zu erzielen und unserem Tun noch mehr Kraft zu verleihen.

 

Ich denke also, die letztendliche Antwort auf diese Frage ist, dass es viel mehr Kreativität geben würde sowie einen weitaus offeneren Ideenaustausch, und alle würden zusammenkommen und viel mehr Freude haben. Nicht, dass dies jetzt nicht so ist, vielerorts ist das ja so, aber wäre es nicht wunderbar, wenn wir alle regelmäßig als Freunde zusammenkämen, um unsere Ideen und Innovationen offen und freizügig auszutauschen? Ich meine, manche dieser jetzigen Konferenzen sind so trostlos! Sogar diejenigen, die sich angeblich auf emotionale Freiheit fokussieren!! Wir möchten mehr Freude in diesen Prozess hineinbringen und wenn das letztendlich unser Gesamtbeitrag ist, dann wird mich das glücklich machen.

 

Wir freuen uns auf alle Fälle darauf, nach Deutschland bzw. Europa zurückzukehren und mit all den wunderbaren Menschen (wie Dich) zusammenzukommen, die wir getroffen haben, um neue Freundschaften zu knüpfen und mit ihnen das zu teilen, was wir seit unserem letzten Besuch hinzugelernt haben.

 

Anne Rose: Steve, ich danke Dir ganz herzlich dafür, dass Du uns an Deinen Gedanken und Visionen hast teilhaben lassen und ich freue mich schon auf eines der nächsten Seminare von Dir und David Lake, die ich jedem wärmstens empfehlen kann.

 

Interviewer: Anne Rose Pretorius, EFT-Therapeutin, EFT-Trainerin (nach EFT D.A.CH. e.V. Fachverband)